• Einfach schön,  Roman

    Das Wanderkind – AUDE

    Corinne erwartet Zwillinge, doch, nach der ersten Freude, der Schreck, eines der Kinder schrumpft förmlich, während das andere wächst und gedeiht. Eines der Kinder wird lebend auf die Welt kommen, eines tot geboren werden, prophezeit man ihr. Dann die Überraschung, beide Kinder leben. Doch während Hans, groß, stark und gesund ist, ist Benoit klein, schwächlich und kränkelt. Beide Jungen hängen aneinander und verbringen weite Teile ihrer Kindheit in einer nahezu symbiotischen Beziehung, die besonders Hans nach außen verteidigt. Benoit wird von seiner Familie und seinem Umfeld als der Schwächere empfunden. Wird, lange Zeit, als ein Kind mit verminderter Auffassungsgabe gesehen.

    AUDE begleitet die beiden gleichen ungleichen Brüder und ihre Familie in diesem kurzen Buch bis ins Erwachsenenleben.

    Es ist nicht nur die Geschichte dieser beiden Brüder, sondern auch die Geschichte einer Familie und ihrer oft fragilen Beziehungen untereinander. Die Autorin spürt den unterschwelligen Gefühlen mit großer Sensitivität nach. Die Bindung der Brüder, in der sich zeigt, dass der nach außen hin Starke und Laute, nicht wirklich der Stärkere ist, zeichnet sie genau so zart und liebevoll, wie sie klar die Kälte anspricht, mit der Hans sich und seinen Bruder von den anderen Familienmitgliedern abzuschirmen versucht. Doch Benoit, der nur der Kleine genannt wird, ist ein ganz Großer und ist in der Lage so manchen Bruch zu heilen und haltbare neue Verbindungen zu den anderen zu knüpfen.

    Es ist eines der Bücher, die den Leser, die Leserin, tief in der Seele treffen und das man gerne wieder zur Hand nimmt.

    Das Wanderkind von AUDE wurde aus dem kanadischen Französisch von Ina Böhme übersetzt.

    Das Buch stand auf der Shortlist des Prix Ringuet.

  • Roman

    Andrin von Martina Altschäfer

    Susanne ist Schriftstellerin, allerdings verkaufen sich ihre eigenen Werke nicht so, dass sie davon leben könnte und so arbeitet sie zusätzlich als Ghostwriterin. Das läuft auch recht gut, bis sie mit einem Auftrag nicht weiter kommt und sie diesen zurückgeben will. Ihr Verleger lockt sie mit einem Italienaufenthalt, sie geht darauf ein und macht sich auf den Weg. Hier beginnt nun das eigentliche Abenteuer. Durch verschiedene Umstände, beschließt sie zu Fuß einen Bergpass zu überqueren, gerät in ein Unwetter und wird von einem Jeepfahrer namens Andrin mitgenommen. Der bringt sie nach Vogelweh, einem ehemaligen Militärgebiet, in dem alles ein wenig anders zu sein scheint. Andrin lebt dort mit seiner Frau Uta, ab von der Welt, ohne Internet und Handyempfang. Aufgrund der Wetterlage, kann Susanne nicht weiterreisen, sondern muss sich einrichten. Erst ein paar Tage, dann werden es Wochen und schließlich Monate. 

    Vogelweh scheint ein Paradies zu sein, die Hühner legen größere Eier, das Gemüse und Obst gedeiht, dass es eine Pracht ist, die Menschen scheinen langsamer zu altern und das Wasser macht betrunken. Doch auch die Idylle hat ihre Tücken. 

    Martina Altschäfer hat mit Andrin ein äußerst beeindruckendes Debüt hingelegt. Beim Lesen bekam ich regelrecht Sehnsucht nach einem Ort wie Vogelweh. Mir hat sehr gefallen, dass die Autorin nicht für jedes, mystisch scheinende Phänomen, das mit diesem Ort verbunden ist, eine Erklärung liefert. Überhaupt hat mich der Sprachrhythmus sehr angesprochen. Beim Lesen fällt man wunderschön in den Alltag der Protagonist*innen. 

    Martina Altschäfer: Andrin
    Roman

    Mirabilis Verlag, 25. August 2020
    ISBN 978-3-947857-05-0

    Hardcover, Fadenheftung, Schutzumschlag
    mit Zeichnungen von Martina Altschäfer
    280 Seiten; 20 €

  • Roman

    Miss Marie von Ellen Vahr

    Thea Marie Thoresens Familie hat es nicht leicht im Kriegswinter 1916. Obwohl in Norwegen nicht gekämpft wird, herrscht doch Lebensmittelknappheit, so dass die Bäckerei, die Thea Marie  eines Tages von ihrem Vater übernehmen zu können hoffte, vor dem aus steht. Da kommt ein Angebot von Theas Tante Augusta, sie kann zu ihr nach Amerika kommen und als Dienstmädchen für die Vanderbilts arbeiten, in deren Haushalt Augusta als Köchin tätig ist. Thea Marie trennt sich nur schwer von ihrer Familie und ihrem Liebsten, sieht aber ein, dass sie in Kristiania (Oslo) keine Chance auf Arbeit hat. 

    In Amerika, im Land of the free, angekommen, stellt sie schnell fest, dass die viel besungene Freiheit nicht für Frauen gilt und schon gar nicht für Hausmädchen. Die Hauswirtschafterin der Vanderbilts führt ein harsches Regiment und wer einen Fehler macht ist schnell wieder draußen, ohne Lohn und ohne Zeugnis. Wird ein Mädchen schwanger, egal ob durch eigene Nachlässigkeit oder durch die gar nicht so seltenen Übergriffe durch die Hausgäste, dann muss sie gehen. Thea, die auf Ellis Island schnell zu Marie wurde, begehrt dagegen auf und schließt sich der Frauenbewegung an.

    Es ist Ellen Vahrs zweiter Roman. Ihr Debüt gab sie mit „Die Gabe“ (Übersetzerin) Gabriele Haefs, in der sie sich ebenfalls mit der Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Frauen beschäftigt. Beide Bücher sind durch ihre Familiengeschichte inspiriert. Beides sind wichtige Bücher und auch, wenn die Romanform es einfach macht, zu denken, es ist doch nur eine Geschichte, so lasst die Authentizität ihrer Charakter keinen Zweifel daran, des die Ungleichbehandlung von Frauen Teil unserer Geschichte war und auch immer noch ist. Auch wenn viel erreicht wurde. Wir wollen halt nicht nur Brot, sondern auch Rosen.

    Übersetzerin: Gabriele Haefs

    Miss Marie (aufbau-verlag.de)

  • Roman

    Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone von Kjersti A. Skomsvold

    Wie verändert sich das Leben der Autorin nach der Geburt ihres 2. Kindes? Wird sie weiterschreiben können? Kjersti A. Skomsvold geht diesen Fragen und den Veränderungen, die mit dem Kind kommen nach.

    Die Autorin startet mit der Geburt des 2. Kindes und erzählt in Reflektionen von sich, vom Schreiben, von ihrer Beziehung, von früheren Beziehungen und von ihren Ängsten. Davon die Balance zu finden, zwischen den Ansprüchen von Kindern und Familie, dem Präsentsein müssen und der Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe, die sie zum Schreiben benötigt. Soviel auf gerade einmal 123 Seiten. Ein dünnes Schwergewicht. Die Sprache der Autorin ist kompakt, in jedem Satz steckt mehr, als auf den ersten Blick vermutet. Oft geht es um ihre Ängste, aber auch um das Lachen, um das Zueinanderfinden in Beziehungen und natürlich um das Schreiben.

    Ehrlich gesagt, habe ich mich schwer getan, das Buch zu beginnen. Hatte das Gefühl, das Thema Kinder und die Veränderungen die sie in unser Leben bringen, ist nicht mehr meines. Jetzt bin ich froh, dass ich mich auf das Buch eingelassen habe. Eine Autorin, von der ich gerne mehr lesen möchte.

  • Einfach schön,  Roman

    Das Eis-Schloss von Tarjei Vesaas

    Eine Stadt in Norwegen, ein Wasserfall, der im Winter zum Eis-Schloss friert und die beiden 11-jährigen Mädchen Siss und Unn, sind die Protagonist!nnen in Tarjei Vesaas Roman.

    Unn, die ihre Mutter verloren hat, kommt in die Stadt, um nach dem Tod ihrer Mutter, bei ihrer Tante zu leben . Durch ihre Traurigkeit ist sie eine Außenseiterin. Siss, eine robuste 11-jährige und oft die Anführerin ihrer Gruppe, gelingt es schließlich Unn näher zu kommen. Die Mädchen verbringen einen Abend miteinander, an dem Unn ein dunkles Geheimnis andeutet. Am nächsten Tag ist Unn verschwunden und bleibt es auch.

    Mit Unns Verschwinden erstarrt auch die Welt für Siss. Sie verliert sich fast selbst bei dem Versuch ihre Freundin nicht zu vergessen. Das Eis-Schloss ragt sowohl als Bedrohung, als auch als Metapher über der Geschichte. Es könnte ein Symbol für das an keiner Stelle enthüllte Geheimnis Unns stehen, aber auch für den Übergang von der Kindheit ins Erwachsensein.

    Beim Lesen kommt man nicht auf die Idee, dass das Buch fast 50 Jahre alt ist. Tarjei Vesaas Sprache ist zeitlos. Er bedient sich keiner Schnörkel und Verzierungen und doch ist der Text voller Poesie. Die Beschreibungen des Eises und der Gefühlswelt Sinns sind eisklar und warm und voller Wärme.

    Das Eis-Schloss wurde 1964 mit dem Preis des Nordischen Rates ausgezeichnet.

  • Roman

    Die verborgenen Stimmen der Bücher von Bridget Collins

    Emmett Farmer lebt auf dem Hof seiner Eltern, er arbeitet hart und geht davon aus, dass er den Hof eines Tages übernehmen wird. Dann befällt ihn eine rätselhafte Krankheit und kaum hat er sich von dieser erholt, flattert ein Brief ins Haus. Eine Buchbinderin will Emmett als Lehrling. In Emmett Farmers Welt werden Bücher verachtet, wie auch die Menschen die mit ihnen zu tun haben. Eine Sonderstellung nehmen die Buchbinder ein. Sie stehen abseits, werden gefürchtet und mit Skepsis betrachtet, obwohl das Binden als ehrbares Handwerk anerkannt ist. Denn diese Buchbinder haben eine Gabe, sie können einem Menschen die Erinnerungen nehmen, die er nicht mehr ertragen kann, bindet sie in ein Buch und bewahrt dieses sicher auf.

    Der englische Titel des Buches ist The Binding und gefällt mir fast besser, denn nahezu gefesselt war ich von der ersten Seite an. Das Buch wird in drei Teilen erzählt. Es beginnt mit Emmetts Lehre zum Buchbinder, die ein abruptes Ende durch den Tod seiner Meisterin nimmt und ihn zu einem anderen Binder bringt. Der zweite Teil erzählt Emmetts Geschichte vor seiner Krankheit und seiner verbotenen Liebe zu Lucian, an die er sich nun wieder erinnert. Der dritte Teil wird aus Lucians Sicht erzählt.

    Die verborgenen Stimmen der Bücher ist eines der Bücher, in denen man versinkt und am liebsten bleiben würde. Leicht geschrieben, tiefsinnig und berührend.

  • Roman,  Sachliches,  Sagen und Märchen,  Uncategorized

    Ein neues Lesejahr

    … und es beginnt großartig. Hier ein kleiner Eindruck was sich gerade bei mir tummelt.

    Genaueres schreibe ich zu den Büchern, wenn ich sie gelesen habe. Gerade lese ich „Die verborgenen Stimmen der Bücher“ von Bridget Collins, Übersetzerin: Ulrike Seeberger, erschienen im Aufbau Verlag. Dazu kommt die nächsten Tage ein Beitrag.

    Ich habe eine ausgeprägte Neigung, neben belletristischen Werken Sachbücher zu lesen. Gerne parallel, komischer Weise Romane im Bett und Sachbücher am Schreibtisch. China und Japan von Kai Vogelsang ist gerade dran.

    Euch allen ein reiches literarisches, gesundes, wundervolles 2021

  • Roman,  Uncategorized

    Die Vögel von Tarjei Veesas

    Die Geschwister Mattis und Hege leben etwas außerhalb des Dorfes. Sie haben es nicht leicht, denn Geld ist rar und die Last für das für das Materielle zu sorgen liegt in erster Linie bei Hege, denn Mattis ist verloren in eine Kinderwelt und die Natur. Wenn er einmal Arbeit auf einem der umliegenden Höfe findet, ist es nicht für lange und eingestellt wird er meist aus Mitleid. Der Dussel wird er genannt und ist sich seines anders seins durchaus bewusst. Mattis liebt die Natur und er fürchtet Gewitter. Überall sieht er Zeichen und versucht den Sinn der Dinge zu entschlüsseln. Als eines Tages eine Schnepfe ihre gewohnte Flugbahn über dem Haus ändert, ist er sich sicher, das es ein Zeichen ist. Etwas wird sich ändern. Mattis schwankt zwischen Hoffen und Bangen.

    Tarjei Veesas ist in seiner Heimat einer Norwegen einer der ganz großen Autoren, aber seltsamer Weise hier zu Lande nahezu unbekannt. Dabei verdient dieser Autor eine ganz große Bühne. K. O. Knausgard hat „Die Vögel“, als den wichtigsten norwegische Roman bezeichnet. Ob er das ist, weiß ich nicht, ganz sicher ist es eine der berührendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Trajei Veesas Sprache ist schlicht und entfaltet trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, einen fast hypnotischen Sog. Ehe man sich versieht, befindet man sich in Mattis Welt, die man selbst dann nicht so ganz verlässt, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat.

  • Roman,  Satire

    Esel im Klee von Eimar O’Duffy

    Cuandine, der Held, der uns schon in König Goshawk und die Vögel begegnete ist immer noch unterwegs, seine Aufgabe zu erfüllen. Wir erinnern uns: Der Weizenkönig Goshawk hatte seiner Liebsten Guzzelinda versprochen ihr alle Vögel der Welt zu schenken. Mit geschickter Propaganda wird jede Gegenwehr erstickt und es ist angezeigt einen Held teils göttlicher Herkunft zu schaffen, um diese Aufgabe anzugehen.

    Nun aber zur Fortsetzung und zu unserem Helden Cuandine, der gemeinsam mit dem Reporter Robinson und dem arbeitslosen Mac uí Rudaí auf dem Weg zurück nach Irland ist. Von dort soll die Befreiungsaktion starten. Unterwegs treffen sie auf allerlei Menschen, die ihnen die Welt erklären und Cuandine zu dem Schluss kommen lässt, dass es jede Art von Verrückten braucht, um die Welt zu ruinieren.

    Sowohl König Gohawk und Vögel als auch Esel im Klee entstanden 1926 und sind von einer frappierenden Aktualität. Eimar O’Duffy wird als der Missing Link zwischen Jonathan Swift und Fall O’Brien gesehen, auf jeden Fall hat er mit beiden Büchern eine poetische, lustige, wundervolle, zeitlose Kapitalismuskritik geschaffen, die einfach das Herz erfreut.

    Eine Anmerkungen zu den Anmerkungen. Im Text stolpern wir über viele Namen aus der irischen und englischen Mythologie, sowie über Spitznamen, die im englischen Sinn machen, aber eben nur wenn man der englischen Sprache mächtig ist. Gabriele Haefs, hat diese im Anhang gesammelt, mit entsprechenden Erklärungen versehen und auch Hinweise zur korrekten Aussprache beigeliefert. Danke dafür.

  • Roman

    Wo du nicht bist von Anke Gebert

    Als Dr. Erich Bragenheim sich für Irmgard Weckmüller interessiert, kann sie es nicht so richtig fassen. Er, ein Arzt mit Praxis am Kurfürstendamm, sie, eine Verkäuferin im KaDeWe aus dem Wedding, ob das gut gehen kann. Doch es ist die ganz große Liebe. Sie wollen heiraten, doch das geht nicht, denn Erich Bragenheim ist Jude und mittlerweile sind Eheschließungen, dank der kruden Rassenideologie der Nazis, zwischen Juden und Ariern verboten. Treffen zwischen den Beiden werden immer schwieriger, jede Entdeckung würde für Irmgard Zuchthaus bedeuten und für Erich den sicheren Tod. Schließlich wird Erich verhaftet und kommt nach Theresienstadt und später nach Auschwitz, wo er sofort ins Gas kommt. Wie er gestorben ist, erfährt Irmgard am Ende des Krieges, als sie hofft, dass er nun endlich heimkommt und sie heiraten werden. Das ist nun nicht mehr möglich … oder doch? Irma sucht sich einen Anwalt und kämpft sieben Jahre um das Recht, dass die vom Naziregime verweigerte Eheschließung posthum anerkannt wird.

    Anke Geberts Roman basiert auf einer wahren Geschichte. Es ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art und es führt in eine dunkle Zeit. Die Autorin beschreit sehr eindrucksvoll, wie das Grauen immer näher rückt, die Welt der Verfolgten immer enger wird, bis sie so wie sie sie kannten, nicht mehr existiert. Auch wird sehr deutlich, dass Antisemitismus keine Erfindung der Nazis war und auch nicht nach dem zweiten Weltkrieg verschwand.

    Ein sehr empfehlenswertes Buch.